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Der Interstellarum Deep Sky Atlas
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Deep Sky Atlas - Cover

Zum Jahresende 2013 veröffentlichte der Oculum Verlag seinen neuen Himmelsatlas. 114 Karten, 14.835 Objekte, 201.719 Sterne - damit könnte die Neuerscheinung hinreichend beschrieben sein, als wieder einmal ein neuer Sternatlas. Wie schön, dass man so diesem gelungenen Wurf der Autoren Ronald Stoyan und Stephan Schurig nicht gerecht wird. Der Atlas ist in so manchem Detail erfrischend anders als althergebrachte Sternkarten. Da sind beispielsweise auch jene Sternbild-Hilfslinien sichtbar, die zu Sternen außerhalb des gezeigten Kartenausschnitts führen. Kaum störend für Sternfreunde, die sie nicht brauchen, aber ungeheuer Hilfreich für jene, die sich daran orientieren und die in der Karte verzeichneten Sterne nicht dem Namen nach am Himmel wiederfinden. Eigentlich gute Atlanten wie der Sky Atlas 2000.0 oder Uranometria 2000.0 büßen in diesem Punkt für viele Sternfreunde erheblich an Brauchbarkeit ein und nicht selten findet man die Werke mit mühsam von Hand eingezeichneten Linien.

Deep Sky Atlas -Kartenschlüssel

Andere Wege ging man auch beim Kartenschlüssel, denn er wurde auf 6 Seiten aufgeteilt und diese zeigen neben den Polregionen  nach Jahreszeiten eingeteilte Himmelsbereiche. Etwas ungeschickt nur, dass Kartengrenzen, Sternbildgrenzen und Sternbildhilfslinien sämtlich in grün, sowie das Gradnetz zusätzlich in Schwarz die Kartenschlüssel zu einem Linienwirrwarr werden lassen. Ob man nicht doch das Gradnetz über eine Skala entlang der Außenlinien hätte einbringen sollen? Oder ob die Sternbildgrenzen im Kartenschlüssel wirklich notwendig sind? Und immerhin, in diesem Punkt ist der Atlas klassisch: Immer wieder blättert man nach dem Kartenschlüssel, der doch vielleicht auf einem ausklappbaren Umschlag gut untergebracht gewesen wäre. Demgegenüber wieder die hübsche Idee, die Legende zumindest der Premium-Version als DIN-A6 Karte in einer Tasche im Umschlag beizugeben. So ist sie ohne Blättern zur Stelle, aber auch als Lesezeichen gut zu brauchen. Die Premium-Version verdient überhaupt einige erklärende Worte. Gedruckt ist sie auf Polyart, einer beschichteten HDPE-Folie, die durch Recken reißfest gemacht wurde. Das Material ist leichter als Papier und Wasser- sowie Fettabweisend. Ein guter Gedanke also, den Atlas auf diese Weise gegen Tau unempfindlich zu machen. Natürlich sind dementsprechend auch Umschlag und Legende aus Kunststoff. Kein Wunder, dass diese Variante bereits im November 2013 als Vergriffen gilt - oder vielleicht eine leichte Fehlkonzeption, da man doch meinen sollte, dass das Weihnachtsgeschäft noch eine Weile läuft. Immerhin ist die Normalversion mit 79,90 Euro doch erheblich günstiger zu haben, als die mit 129,90 Euro ausgezeichnete Premium-Version. Eine Neuauflage sei allerdings nicht geplant, man munkelt, die Normalversion solle erst einmal ihre Käufer finden. Ob da nicht mancher zweimal kaufen soll, wenn sich in zwei Jahren doch wieder ein Nachdruck der Premium-Version lohnt? Als Eintagsfliege scheint der Atlas auch nicht konzipiert worden zu sein, denn via Internet investiert man in die Produktpflege und gibt den Benutzern ein Portal für Rückmeldungen zum Beispiel zu möglichen Errata.

Deep Sky Atlas -Umschlag

Nun aber zurück zum Werk. Der Benutzer findet hier einen sehr sorgfältig konzipierten Sternatlas vor. Seine Vielseitigkeit bezüglich der Objekte und Beobachtertypen opfert jedoch nicht das Kartenbild der Überfrachtung mit unzähligen Objekten jedweden Anspruchs. Vielmehr schuf man ein aufgeräumtes Kartenbild, das selbst dort, wo es in der Milchstraße oder der großen Magellan'schen Wolke eng wird, noch einen guten Überblick erlaubt. Der Kartenmaßstab ist mit meist 1,5cm pro Grad so gewählt, dass die 24,5cm x 27,5cm großen Karten praktisch immer einen oder mehr Orientierungssterne mit den wichtigen Sternbild-Hilfslinien enthalten. Aufgeschlagen liegen immer zwei benachbarte Karten nebeneinander, was der Übersicht sehr förderlich ist. Auch die Überlappung der einzelnen Karten ist ausreichend groß und jede Karte enthält am Rand eine Markierung mit der Nummer der Anschlusskarte. An den Seitenkanten sichtbar findet man einen Index nach Deklinationszonen, der beim Blättern hilfreich ist.

Deep Sky Atlas - Karte und Legende

Sterne bis 9,5 mag und in Detailkarten bis 10,5 mag bilden die Grundlage des Atlas. Eine Vielzahl von Objekten füllt ihn mit Leben. Das besondere am Deep Sky Atlas ist jedoch die ungewöhnliche, wenn auch nicht völlig neue Kennzeichnung der Objekte. Die Objektsymbole geben durch ihre Größe nicht die Helligkeit, sondern die Ausdehnung der Objekte wieder. Schriftgrad und Hervorhebung durch Fettdruck kennzeichnen eine Einschätzung der Sichtbarkeit nach Teleskopöffnung. So sind schwierige Objekte auch eher blass im Kartenbild vermerkt - eine durchaus praxisgerechte Kennzeichnung, die dem Sternfreund bereits vor dem Aufsuchen eine Einschätzung der Beobachtungschancen erlaubt. Bemerkenswert ist auch die Objektauswahl bzw. der Informationsgehalt über das bloße Objekt hinaus. So finden sich durch dezente Striche gekennzeichnete Positionen von Doppelsternkomponenten. Die Strichstärke kennzeichnet den Helligkeitsunterschied, die Strichlänge den Abstand. Was die Legende jedoch nicht verrät ist, zu welchem Zeitpunkt der Positionswinkel Gültigkeit hat, denn die Positionen zur Tag- und Nachtgleiche im Jahr 2000 liegen ja nunmehr 13 Jahre in der Vergangenheit und bei so manchem Sternsystem bedeutet dies eine erhebliche Winkeländerung. Hier wird der akribische Doppelsternbeobachter nicht ohne zusätzliches Katalogmaterial auskommen, was nun auch die im Atlas enthaltene Kennzeichnung wieder etwas in Frage stellt. Schön hingegen ist die von Oculum gewohnte Beachtung von Asterismen, die dem visuellen Beobachter immer wieder Vergnügen bereiten. Auch die Eigennamen vieler Objekte fanden ihren Weg in den Atlas und können so die Neugier des Beobachters wecken. Sehr gelungen ist auch die Kennzeichnung von Galaxienhaufen und -gruppen, die dem Beobachter eine Ahnung von kosmologischen Gegebenheiten vermitteln - sicher eine Möglichkeit, dem Beobachter zu größerer Vorstellungskraft zu verhelfen.
Ebenfalls gelungen ist die Kennzeichnung der galaktischen Nebel bezüglich der erfahrungsgemäß wirksamen Filtertypen. Hier vermisst man jedoch in der Einleitung den Hinweis an den Beobachter, dass die Filterwahl wohl mehr für sehr guten Himmel gilt, wie er in Mitteleuropa nun immer seltener anzutreffen ist. So manche Kennzeichnung ist einfach sehr stark von der Himmelsqualität abhängig und es wäre einfach ein Qualitätsmerkmal des Atlas gewesen, auf diesen Umstand hinzuweisen. Darüber hinaus wäre es sicher auch möglich gewesen, jene seltenen planetarischen Nebel zu kennzeichnen, die nicht die übliche [OIII] lastigen Emissionsspektren haben. So wird der zurecht als einfaches Objekt gekennzeichnete NGC 40 durch die übliche Wahl des für PNs durchweg empfehlenswerten [OIII]-Filters zum arg schwachen Lichtlein. Und auch die Empfehlung des [OIII] für den recht ausgeglichen emitterenden Krebsnebel (M1) ist diskutierbar.

Deep Sky Atlas - Kartenbild

Die Objektauswahl an sich ist in jedem Falle als gelungen zu bezeichnen. Der Atlas kann mit fug und recht behaupten, alles an Deepsky-Objekten zu enthalten, was dem Achtzöller überhaupt zugänglich ist. An einigen Stellen geht er dann auch über das hinaus, was aller Erwartung nach für einen Zwölfzöller machbar erscheint. Lediglich die Kennzeichnung von Sternen mit nachgewiesenen Exoplaneten scheint eher als Modegag in dem sonst vollständig praxisorientierten Werk aufzutauchen. Vermissen mag man dagegen die oft gesehene Hinterlegung der Milchstraßenregionen. Es ist aber leicht einzusehen, dass eine solche Schattierung das Kartenbild überladen und die durch ihre Füllung unterscheidbaren Objektklassen gestört hätte.

Bleibt zu erwähnen, dass die vorliegende Premium-Version durch eine gute Verarbeitungsqualität auffällt. Das zusammenhaften der Seiten durch die Stanzung für die Spiralbindung fiel beim ersten Durchblättern der Premium Version als einzig negativer Punkt auf -  jedenfalls, wenn das besondere Folienmaterial so widerstandsfähig ist, wie man behauptet. Es sollte im Alltagsgebrauch nicht darunter leiden, dass es bündig mit dem festen Umschlag abgeschnitten wurde. Zwei, drei Millimeter Überstand beim Umschlag würde doch für einen etwas sorgloseren Umgang mit dem teuren Werk sorgen.

Deep Sky Atlas - Kartenbild

Wie inspirierend der Atlas hingegen ist, mag damit geschildert sein, dass man unwillkürlich beginnt, das Werk zumindest bis zur Grenze der im Süden überhaupt beobachtbaren Sternbilder durchzublättern. Es empfiehlt sich, gleich einmal Papier und Stift bereitzulegen, um so manches bislang übersehene Objekt zur nächstmöglichen Beobachtung zu notieren. Übersehen sollte man dabei auch nicht die 29 Detailkarten, die sich besonders lohnenswerten Regionen widmen. Erwartungsgemäß findet man hier die wesentlichen Galaxienhaufen, aber auch Detailkarten der Magellan'schen Wolken. Vermisst habe ich jedoch die nicht nur wegen des Pferdekopfes interessante Region um Alnitak oder einen Blick auf die Andromedagalaxie mit ihrem Halo aus Kugelsternhaufen. Bleibt noch ein Blick auf das Addendum: Ein vollständiger Katalog der verzeichneten Deepsky-Objekte mit allen zugehörigen Kartennummern.

Der Blick auf die in kräftigem Rot gezeichneten galaktischen Nebel wird wohl bei so manchem Zweifel hervorrufen, wie denn ein so gedruckter Katalog unter Rotlicht einsetzbar sein soll. Aber ja! Auch hier haben die Autoren sorgfältig gearbeitet. Die Umrandung jener Nebelgebiete wird nun zum Schlüssel. Die Linienstärke gibt die Beobachtbarkeit wieder, eine durchbrochene Linie macht galaktische Nebel von Dunkelnebeln unterscheidbar und die Füllung scheidet Emission von Reflexion. Lediglich die schwächsten verzeichneten Nebel lassen sich nur schwer nach Emissions- und Reflexionscharakteristik unterscheiden. Reflexionsnebel behalten hier eine kräftigere Linie, während die Füllung entfällt. Ähnlich verhält es sich bei der Unterscheidung der Sternhaufen-Kategorien für Zwölfzöller und Öffnungen jenseits der zwölf Zoll. Im Rotlicht wird die schwache Füllung der ersteren Objekte unsichtbar und somit geht die Unterscheidung zu den nicht farbig gefüllten Objekten der letzteren Kategorie verloren. In beiden Fällen wird der Fettdruck der Beschriftung zum Unterscheidungsmerkmal - nicht ganz intuitiv, aber bei derart selten machbaren Objekten eine sehr vertretbare Einschränkung.

Alles in allem findet man im Interstellarum Deep Sky Atlas ein gelungenes Werk mit hohem praktischen Nutzen. Die Premium Version, die sich vor allem durch ihre Widerstandsfähigkeit gegen Feuchtigkeit auszeichnet, aber auch mit vergleichsweise geringem Gewicht glänzt, dürfte der Himmelsatlas-Idealvorstellung vieler Sternfreunde nahe kommen. Die hier geäußerten, kritischen Anmerkung können dem hohen praktischen Nutzwert des Werkes keinen Abbruch tun. Dieser Atlas hat ein großes Potenzial, zum neuen Standardwerk zu werden.

Nachtrag am 31.1.2016

Nach über anderthalb Jahren Benutzung, scheint es mir angebracht, den Bericht zum Interstellarum Deep Sky Atlas noch um weitere Erfahrungen zu ergänzen.
Der Atlas hat sich in den vergangenen Monaten als gutes Hilfsmittel erwiesen. Es gibt aber guten Grund, noch einige Hinweise anzubringen. Ich denke weiterhin, dass dieser Atlas das bislang beste und vollständigste Kartenwerk für visuelle Beobachter ist. Ich  meine aber auch, dass die folgenden Anmerkungen zur Vervollständigung meines ersten Artikels nötig sind.

Die Praxis hat gezeigt, dass insbesondere auf die Kategorisierung der Objekte nur mit einiger Vorsicht Verlass ist. Dass man unter Vorstadthimmel nicht denselben Maßstab anlegen kann, und oftmals mehr Öffnung braucht, als in klarer Bergluft und mit reichlich Höhenmetern unter sich, ist natürlich nachvollziehbar. Aber der Atlas geht hier in meinen Augen doch zu weit. Zu viele Objekte, die noch für 100mm Öffnung klassifiziert sind, lassen sich selbst mit 200mm Öffnung und unter einem guten Mittelgebirgshimmel mit Bortle 3 nicht erkennen.
Bei den planetarischen Nebeln wird das auch mit dem Einsatz von Nebelfiltern nicht besser. Dem Atlas mangelt es also umso mehr an einer Anleitung mit eindeutiger Klarstellung, unter welchen Bedingungen die Objektklassifikation bezüglich der benötigten Teleskopöffnung gelten soll. Als Beispiele möchte ich konkret NGC 6884, eingezeichnet als 4" Objekt und NGC 6765, eingezeichnet als 8" Objekt nennen. Bei ersterem dürfte der Fehler darin liegen, dass die Katalogangabe zum Durchmesser, 25 Bogensekunden, nicht überprüft wurde. Der Sky Atlas Companion verrät, dass für einen visuellen Beobachter nicht mehr als 6 Bogensekunden Scheibchendurchmesser zu erwarten sind - und damit hätte das Objekt laut der Legende des Interstallarum Deep Sky Atlas als stellarer PN gekennzeichnet werden müssen. Bei einigen weiteren Objekten hatte ich ähnliche Schwierigkeiten, bei anderen gelang mit einiger Mühe eine Sichtung. Ich persönlich meine, dass moderne Kartenwerke unbedingt auch auf die Bedingungen eingehen sollen, denen sich die meisten aktiven Sternfreunde stellen müssen. Ein Kartenwerk, dem Bortle 3 als Himmelsqualität zu wenig ist, erscheint mir als ein Zerrbild der Realität für viele Sternfreunde. Wie schon gesagt bedarf diese Betrachtungsweise einer eindeutigem Erklärung. Die Formulierung "unter dunklem Himmel", wie sie sich in den Benutzungshinweisen findet, ist doch gar zu dürftig.

Die Handhabung der Premium-Version möchte ich ebenfalls ansprechen. Ich hatte bereits angemerkt, dass der stabile Schutzumschlag etwas  größer als das Seitenformat hätte sein sollen. Stattdessen werden die Ecken der Seiten beim Transport des Atlas in einer Tasche belastet und es gibt zahlreiche Seiten, bei denen sich dadurch die dort befindlichen Seitennummern zwischen den jeweils gegenüberliegenden Seiten abfärben. Offensichtlich kann durch Druck und Reibung die Druckfarbe buchstäblich die Seiten wechseln. Diesbezüglich finde ich die Folien-Version überhaupt nicht pflegeleicht.

isDSA_Abrieb
Nein, hier ist nicht die Folie der Premium-Version durchscheinend, denn auf 30 folgt 31.
Im Bereich der Ecke, wo durch den zu kleinen Schutzumschlag Druck einwirkt, ist Farbe der gegenüberliegenden Seite kleben geblieben.

Die Standard-Version des Atlas konnte ich inzwischen auf dem ATT betrachten. Oculum hat hier wirklich versäumt, auch deren Material ordentlich zu beschreiben. Soweit ich das feststellen konnte, ist diese Version auf einem imprägnierten Papier gedruckt und sie scheint mir bezüglich Abrieb robuster zu sein. Vermutlich ist sie auch genauso wasserfest, wie die Folienversion, solange man nicht mit dem Atlas baden geht. Bleibt neben dem geringen Gewicht die Legende auf der Kunststoffkarte als Vorteil der Premium-Version und die rutscht mir andauernd aus der Einschiebe-Tasche, so dass ich immer aufpassen muss, in welcher Richtung ich den zugeklappten Atlas in der Hand halte. Einige Male habe ich die Legende schon aus dem feuchten Gras gefischt - bislang zum Glück ohne Fußabdrücke.
An den Kartenschlüssel konnte ich mich derweil gewöhnen, aber es bleibt stets so, dass man entgegen der Intuition blättern muss. So liegt Übersichtskarte 3 am Himmel links von Übersichtskarte 2, im eigentlichen Atlas hingegen ist es umgekehrt. Immer noch schade, wo doch der Verlag selbst es als Vorteil darstellt, dass die Kartenblätter eben nicht so angeordnet sind.

Inzwischen gibt es übrigens eine internationale Ausgabe des Atlas, die über Cambridge University Press zu beziehen ist. Die Premium-Ausgabe heißt dort nun Field Edition, die Normalausgabe Desk Edition.

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