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Der Reiseatlas Mond

Der Reiseatlas Mond

Kurz nachdem man sich bei Oculum gegen den Verlag einer Neuauflage des Mondatlas von Antonín Rükl entschied, wurde im Herbst 2012 der Reiseatlas Mond angekündigt. Grundlage für dieses Werk sind die Aufnahmen des Lunar Reconnaissance Orbiters (LRO). Im April 2013 stellten die Autoren Ronald Stoyan und Hans-Georg Purucker dann ihren neuen Atlas vor.
Das Kartenwerk nutzt eine bisher einzigartige Foto-Mosaik-Technik. Dabei wurden die Aufnahmen des LROC WAC Nearside Mosaiks verwendet. Die Aufnahmen liefern ein Mondmosaik mit stets gleichem Schattenwurf von Ost nach West, also einige Zeit nach Sonnenaufgang über der Mondlandschaft. Durch die Mosaik-Technik ist jeder Punkt der Mondlandschaft quasi zur gleichen Mond-Ortszeit aufgenommen. Der Atlas zeigt dadurch alle Mondformationen so, wie sie in Terminatornähe für einen irdischen "Abendbeobachter" bei zunehmendem Mond erscheinen. Das von NASA/GSFC gelieferte Mosaik ist übrigens auch online unter 
http://target.lroc.asu.edu/q3/ verfügbar. Hier finden sich auch Aufnahmen mit anderer Lichtsituation, beispielsweise für die Beobachtung bei abnehmendem Mond.

Kartenblatt 5 des Reiseatlas Mond mit Librationsgebiet
Der Reiseatlas Mond enthält neben den Hauptkarten auch Karten der Librationsgebiete und Detailkarten.

Der Reiseatlas Mond enthält eine Vollständige Kartografierung der Mond-Vorderseite und zusätzlich die Librationsgebiete, die nur je nach Blickwinkel von der Erde aus sichtbar werden. Besonders nützlich ist dabei die perspektivisch richtige Darstellung dieser Bereiche der Mondoberfläche. Im Vergleich dazu zeigt der klassische Rükl-Atlas diese Gebiete quasi aus der Vogelperspektive und es muss einem Beobachter schwer fallen, die so dargestellten Details bei der Beobachtung zweifelsfrei zu identifizieren. Dies ist beim Reiseatlas Mond deutlich besser gelungen. Der Atlas enthält 38 Kartenblätter, auf denen zusätzlich 8 Karten der Librationsgebiete integriert sind. Diese Karten erreichen laut Angabe im Atlas eine Auflösung von 145m pro Pixel und laut Angabe im Web 100m pro Pixel. Vermutlich berücksichtigt man im Atlas den leichten Auflösungsverlust durch das Druckraster. Die perspektivisch korrekte Darstellung aus Sicht des irdischen Beobachters verringert natürlich die Auflösung zum Mondrand hin.
Besonders interessante Bereiche sind gegenüber der Kartenseite als Detailkarten so wiedergegeben, dass keine Strukturen der Originaldaten verloren gehen. Eine kurze Einleitungsseite gibt Grundlegende Informationen, ein Index von vier Seiten enthält alle benannten Strukturen. Der Atlas im Format A4 ist ringgebunden und durch dickes, folienbeschichtetes Papier recht gut gegen Tau geschützt. Damit kommt der Atlas auf ein Gewicht von 800g.

Blattnummer, Anschlußkarten und Mini-Kartenschlüssel
Zu jedem Kartenblatt finden sich ein Mini-Kartenschlüssel und die Nummern der Anschlusskarten.

Die den Karten gegenüberliegende Seite enthält neben den Detailkarten auch weitere Informationen zu den abgebildeten Mondformationen. Angaben zum Kraterdurchmesser, zur Kratertiefe oder Gebirgshöhe und Informationen über Morphologie finden sich ebenso wie Hinweise auf Kleinstkrater. Zusätzlich zu den natürlichen Mondformationen sind Aufschlags- oder Landestellen von  Raumfahrtmissionen vermerkt. Am Rand der Informationsseite finden sich eine Markierung des gezeigten Kartenausschnitts und die Nummern der Anschlusskarten.

ReiseAtlasMond8
Der Vergleich mit dem
Rükl Mondatlas (links) zeigt die Stärken und Schwächen des fotografischen Materials:
Eine Vielzahl von Kleinstkratern und Feinstrukturen sind wiedergegeben, während Schattierungen und Lunardome im gezeichneten Werk besser dargestellt sind.

Schaut man ins Detail, so findet man den fotografischen Atlas naturgemäß ungeheuer reich an feinen Strukturen und kleinen Kratern. Hier kann ein gezeichnetes Werk wie der Rükl-Mondatlas nicht mithalten. Allerdings gibt der Reiseatlas immer nur eine Beleuchtungssituation wieder, während der gezeichnete Atlas der Wiedergabe aller Strukturen Rechnung trägt. Ebenso gibt es Details, für die der Sonnenstand des Fotomosaiks nicht flach genug war. Lunare Dome sind solche Strukturen, die im Rükl Mondatlas deutlich verzeichnet sind, während sie in den Fotos praktisch nicht erkennbar werden. Nur eine Auswahl wurde in den Detailkarten markiert. So sind die Dome Arago Alpha und Arago Beta markiert, während der Rükl noch eine Gruppe kleiner Dome zwischen den Kratern Maclear und Arago Alpha zeigt. Ein paar Unterschiede fanden sich bei einem spontanen Vergleich auch bezüglich benannter Strukturen. Das im Rükl genannte Mare Smythii in den Librationsgebieten fehlt im Reiseatlas. Im Rükl wiederum wird Ranger 6 erwähnt, die Markierung auf dem Kartenblatt wurde aber offensichtlich vergessen. Da diese Auffälligkeiten nur eine willkürliche Stichprobe waren, dürfte es noch mehr Unterschiede zwischen beiden Atlanten geben.

ReiseAtlasMond13
An einigen Stellen finden sich kleine Bildfehler in der verwendeten Version des Mosaiks.
Die Wenigsten sind aber so auffällig wie hier im Westwall des Kraters Thebit.
Der Ausschnitt oben links demonstriert, welch feinste Details in den Karten stecken.

Was den Reiseatlas betrifft, so werden bei genauem Hinsehen auch einige Bildfehler erkennbar. Das Mosaik enthält teils Aufnahmen, die vermutlich nicht zur Beleuchtungssituation passen oder aber ganz falsch einsortiert sind. Das betrifft nur sehr kleine Rechtecke in der Karte. Nahe der langen Wand (Rupes Recta) finden sich beispielsweise drei solche Fehler, die im Kartenblatt 3mm x 3mm und 1,5mm x 3mm und in der Detailkarte entsprechend 6mm x 6mm bzw. 3mm x 6mm groß sind. Sie betreffen den Kleinkrater Birt A, die Rima Birt und den westlichen Wall des Kraters Thebit. Es sind Einzelfälle, wie sie auch in der Einleitung des Atlas erwähnt werden. Der Datenbestand im Web ist seit Mai 2013 aktualisiert und enthält diese Fehler nicht mehr, während der Atlas auf einem älteren Stand des Mosaiks basiert. Die Kartenfolge ist erfrischend unkonventionell, da die Karten jeweils von Nord nach Süd dem Terminator folgend und dann von Ost nach West dem Mondalter folgend angeordnet sind. So blättert man wesentlich weniger, wie im Rükl mit seiner wenig beobachterfreundlichen Kartenanordnung von West nach Ost. Die Überlappung jedoch ist im Reiseatlas Mond recht unglücklich. So wird der Krater Theophilus von den Karten 12 und 13 zerteilt. Zwar gibt es einen Überlappungsbereich von 13mm am oberen, unteren und inneren Rand sowie 25mm am Außenrand, dieser Bereich ist jedoch blass gedruckt, was zwar hübsch aussieht, aber nicht besonders praxisgerecht ist. Gerade die Kleinstkrater, die diesen photografischen Atlas besonders interessant machen, lassen einen doch in die Karte hineinkriechen, wenn man nicht dauernd blättern will - und das kann vorkommen, denn natürlich sind auch Strukturen zwischen östlichem und westlichen Kartenblatt zerteilt. Das ist das Schicksal des Alpentales, welches zum größten Teil auf Blatt 15, mit seinem westlichen Taleingang aber auf Seite 20 liegt. Hätte man die Überlappungszone normal gedruckt, wären beide Strukturen auf allen Einzelblättern angenehmer erkennbar gewesen.

ReiseAtlasMond12b
Überlappung am Krater Theophilus:
Da die Überlappungsbereiche quasi ausgegraut und unbeschriftet sind, ist die Überlappung äußerst dürftig.

In der Praxis ist die wetterfeste Ausführung und die Fülle an erkennbaren Feinstrukturen die Stärke des Atlas. Die Auslegung für die Beleuchtungssituation des zunehmenden Mondes wird den meisten Mondbeobachtern gerecht. Wer den Mond nicht häufig beobachtet, vermisst aber eine Hilfestellung, wo je nach Mondalter der Terminator zu suchen ist. Man ist dadurch gezwungen, durch grobes Abschätzen und Vergleichen erst einmal eine markante Struktur nahe des Terminators zu finden. Dicht am Terminator sind die sichtbaren Strukturen nicht leicht in der Karte wiederzuerkennen. Krater sind erst halb beleuchtet und so nicht auf Anhieb zu identifizieren. Beim Herantasten an die Lage des Terminators stellt man dann wieder fest, dass die Kartenanordnung entlang des Terminators in diesem Fall doch wieder zu einigem Geblätter führt. Besonders nahe Neu- und wieder nahe Vollmond bemerkt man auch, dass diese Anordnung einfach nicht konsequent umgesetzt wurde. So erstreckt sich bei einem Mondalter von 12 Tagen der Terminator über drei Kartenreihen, nämlich 20-25, 25-29 und 30-34 und sogar die Reihe 35-38 wird noch berührt. Man ist also beim Suchen wie beim Folgen des Terminators stets mit Blättern beschäftigt. Konsequent wäre es gewesen, in den Bereichen am westlichen und östlichen Rand eine Zickzack-Anordnung der Karten zu wählen.

Kartenschlüssel, Legende und Einleitung
Kartenschlüssel, Legende und Einleitung: Die eigentlich innovative Abfolge der Karten ist nicht konsequent genug umgesetzt.

Bei der Beobachtung mit dem Achtzöller zeigt sich, dass der Detailgrad mehr als ausreichend ist. Er dürfte dem entsprechen, was ein guter Zwölfzöller bei optimalen Bedingungen zeigen kann. Die Detailkarten gehen noch etwas tiefer. Bei der Nachbereitung greift man allerdings auch gerne auf den Rükl Atlas zurück, der zum jeweiligen Kartenblatt einen einfachen Beschreibungstext mit Hinweisen auf Besonderheiten enthält. Dies fehlt dem Reiseatlas Mond völlig. Er mag zwar - laut Einleitung -  durch den Moonhopper ergänzt werden, aber der Moonhopper ist bereits ein in sich geschlossenes Werk mit eigenem Kartensatz.

Man erhält mit dem Reiseatlas Mond einen guten Begleiter für die Beobachtung am Teleskop. Tau wird dem Atlas wenig anhaben, wenn dem auch dieselben Grenzen gesetzt sind, wie dem Deepsky Reiseatlas. Wird der Atlas massivem Tau ausgesetzt, kriecht die Feuchtigkeit vom Rand her in die Seiten und macht den Atlas weicher. Der Abendbeobachter, der also praktisch immer bei zunehmendem Mond beobachtet, findet die übliche Beleuchtungssituation nahe am Terminator wiedergegeben und kann so sehr viele Details einfacher identifizieren, als in einer gezeichneten Karte. Hinzu kommt die hervorragende Wiedergabe von Kleinstkratern und anderen Feinstrukturen. Dies ist mit dem vorliegenden Kartenmaterial des Lunar Reconnaissance Orbiters nicht zu übertreffen und zeigt mehr Detail, als mit üblichen Amateurteleskopen sichtbar wird. Über den Detailgrad des Atlas hinaus kann man nur in Ausnahmenächten und mit mehr als 8 Zoll Öffnung vordringen. Als einzig ernsthaften Nachteil sind die Schwächen bei der Überlappung zu nennen. Dieser Mangel beeinflusst dann auch die Wahrnehmung der grundsätzlich innovativen Kartenanordnung entlang des gedachten Terminators. Als Werk, das am Teleskop Verwendung finden soll, kann man auch das Fehlen eines Text-Teils mit Beobachtungshinweisen und Daten und Fakten über den Mond entschuldigen. Rein aus Interesse hätte der Mondfreund es aber sicher begrüßt, wenn man z.B. auf dem Rückendeckel noch etwas Platz für eine Übersichtskarte der Mond-Rückseite gefunden hätte.

Der Reiseatlas Mond ist somit ein praxisgerechter Mondatlas, der den Beobachter über lange Jahre begleiten wird. Der Detailreichtum lässt eigentlich keine Wünsche offen und die wetterbeständige Ausführung erlaubt es problemlos, den Atlas den feuchten Nachtbedingungen am Teleskop auszusetzen. Mit ca. 30 Euro* ist der Preis auch vergleichsweise günstig.

(*) Preis Stand 1/2015

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