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Der Mondatlas von Antonín Rükl
in der 3. Auflage

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3. Auflage (links) und die seit längerem vergriffene Sonderauflage (rechts)

Es scheint nicht so ganz rund gelaufen zu sein - das fasst zusammen, was der Sternfreund in den Monaten vor dem Erscheinen der Neuauflage des Mondatlas von Antonín Rükl herauslesen konnte. Das Standardwerk war zuletzt in einer Sonderauflage ohne ISBN durch den Astro Shop Eric Sven Vesting vertrieben worden und seit Jahren vergriffen. Eine Alternative zu diesem gezeichneten Atlas gab es kaum, da fotografische Atlanten einfach nicht den unterschiedlichen Beleuchtungssituationen auf der Mondoberfläche gerecht werden können. Einzig die seinerzeit von der Nasa in Auftrag gegebenen Karten der "LM-Series" können als Alternative genannt werden. Besser aufgelöst decken sie jedoch nur den Teil der Mondoberfläche ab, der seinerzeit für die Apollo Missionen von Interesse war.
Dass man nun, im Januar 2013, endlich die Neuauflage in den Händen halten kann, war zunächst einmal gar nicht so sicher. Schließlich hatte der Oculum-Verlag das Projekt auf sowohl spektakuläre als auch misstönende Weise eingestellt. Dass nun doch eine deutsche Neuauflage erschienen ist, scheint dem spontanen Engagement von teleskop-austria zu verdanken zu sein. Sie trägt die ISBN 978-615-5015-16-8 und ist bei Geobook erschienen.

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Die 3. Auflage zeigt ein dunkelblau schattiertes Kartenbild mit mehr Kontrast.

Somit gibt es den Rükl in drei mir bekannten deutschen Fassungen: Die erste Fassung erschien noch auf typischem, rauem Buchdruckpapier. Die oben erwähnte Auflage über den Astro Shop hingegen erreichte durch Foto-Druckpapier eine deutlich schärfere Wiedergabe des Kartenbildes. Die aktuelle Auflage ist auf deutlich dickerem Foto-Druckpapier gedruckt. Die Drucktechnik, es wird von dreifacher Überdruckung für optimale Farbsättigung gesprochen, scheint dabei unverändert geblieben zu sein.
Die dritte Auflage des Mondatlas ist sehr gut verarbeitet. Das Fotopapier ist ordentlich Fadengeheftet, es darf also ohne besondere Vorsicht geblättert werden. Das ganze sitzt in einem stabilen Hardcover mit Falz. Der Atlas ist ganz praxisorientiert. Auf der Umschlaginnenseite findet sich zunächst ein Kartenschlüssel für die 76 Detailkarten der erdzugewandten Mondseite. Diese Karten sind in orthographischer Projektion gezeichnet, also so wie der Mond von der Erde aus betrachtet erscheint. Die Karten enthalten die komplette IAU Nomenklatur der Mondformationen. Das Kartenbild wurde so gestaltet, dass die plastische Form der Oberflächendetails erkennbar wird. Dadurch kann der Beobachter die Karten  unabhängig von der Mondphase, also vom Lichteinfallswinkel, bei der Beobachtung nutzen. Diese 76 Karten werden abgerundet durch 8 Karten der Librationsbereiche, also jener Gebiete am Rande der sichtbaren Mondhälfte, die dadurch sichtbar werden, dass die Mondbahn teils nördlich, teils südlich des Äquators verläuft bzw. weil der Beobachter zu Mondaufgang vom westlichen und zu Monduntergang vom östlichen Rand der in dem Moment dem Mond zugewandten Erdseite aus auf den Mond schaut. Dadurch lässt sich insgesamt mehr als nur der halbe Mond von der Erde aus betrachten. Die Karten dieser Regionen sind nicht mehr orthographisch, was durch die stets unterschiedlich starke Libration unpassend gewesen wäre. Stattdessen sind diese Karten aus einem beinah senkrechten Blickwinkel gezeichnet. Nicht unsinnig, denn am Mondrand kann der Beobachter durch den flachen Blickwinkel Gebirge und Krater kaum unterscheiden.
Schließlich findet der Interessierte auch eine Karte von der erdabgewandten Mondseite, sowie Detailkarten der Polregionen. Eine weitere Karte zeigt die Landepunkte bemannter und unbemannter Mondmissionen. Weiter ergänzt wird das Werk durch eine Reihe von fotografischen Mondansichten, die beispielhaft vermitteln, wie der in der Karte wiedergegebene Mond in natürlicher Beleuchtung ausschaut. Besonders eindrucksvoll ist dazu auch die auf Seite zwei gezeigte Collage aus Kartenbild, irdischen Mondfotos, Aufnahmen der Apollo 15 Mission und der von der LRO Sonde kürzlich aufgenommenen Landestelle. Diese Bilder sind mehr als nur Ausgestaltung der Umschlagseiten, sondern vermitteln den Kontrast zwischen Karte, dem Anblick im Teleskop und der realen Mondlandschaft.

Natürlich ist der Atlas kein reines Karten- und  Bilderwerk. Das Buch beinhaltet quasi ein kleines Kompendium zur Mondbeobachtung. Umfassend wird der Mondlauf und damit auch die Mondbahn erklärt. Weiterhin widmet der Autor sich den verschiedenen Mondformationen und gibt Beobachtungshinweise. Die Kraterbenennung nach historischen Wissenschaftlern wirft unwillkürlich die Frage auf, wer sich hinter den zahlreichen Namen verbirgt und dieser gern gestellten Frage trägt der Atlas Rechnung. Zu jeder Karte findet sich neben einigen Sätzen zum jeweiligen Bereich ein Verzeichnis der Kraternamen, das auch in wenigen Worten Aufschluss gibt, um welchen Wissenschaftler aus welcher Epoche es sich handelte. Noch wichtiger sind für die Praxis aber Größenangaben, hauptsächlich zum Durchmesser der markanten Krater. Sie helfen bei der Größenbeurteilung viel mehr, als der (natürlich auf jeder Seite vorhandene) Kartenmaßstab. Ein Gradnetz hilft bei der selenografischen Orientierung und die Kartenränder tragen die Nummern der jeweiligen Anschlusskarten.

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Durch die Überdruckung finden sich nach wie vor Seiten mit schlecht zentriertem Druck.

Der Mondatlas von Antonín Rükl wird nicht umsonst als das Standardwerk für Mondbeobachter genannt. Es bietet einen hohen praktischen Nutzen für alle Phasen der Beobachtung, also die Vorbereitung, die Nachbereitung und vor allem eben die aktive Beobachtung. Das Kartenbild lässt sich gut auf den Anblick im Teleskop übertragen. Lediglich weit ab des Terminators, wo auf der Mondoberfläche kaum noch Schattenwurf zu beobachten ist, muss man sich anhand markanter Krater eine Orientierung verschaffen. Die verschiedenen Lichtverhältnisse und deren Auswirkungen lassen sich einfach nicht in ein Kartenbild pressen.
Trotzdem hat auch ein Standardwerk ein paar Schwächen. Die Karten der 3. Auflage sind nun in dunkelblauer Farbe gehalten anstelle des sanfteren Ocker-Tons der früheren Ausgaben. Die dunklere Farbe lässt naturgemäß das Druckraster stärker hervortreten. Durch das mehrfache Überdrucken der Seiten bedingt fallen dem aufmerksamen Leser ein paar Seiten auf, bei denen die Übersichtsgrafik mit der Markierung des Kartenausschnitts unscharf wirkt. Schon bei der vorherigen Auflage sind davon einige Seiten betroffen Das Papier wurde offensichtlich nicht in exakt derselben Position überdruckt. Ein genauer Vergleich zeigt, dass der alte Atlas davon weit stärker betroffen ist, als der neue - es ist lediglich in der alten Farbgebung weniger auffällig. An und für sich ist der gewählte Blauton der Neuauflage kontrastreicher und das Kartenbild wirkt schärfer - aber entsprechend deutlicher tritt auch das Druckraster hervor. Im direkten Vergleich zwischen dem Fotodruck der Astro Shop Ausgabe und dem der teleskop-austria Ausgabe sind besonders die Konturen in den Karten kontrastreicher geworden, während einige sehr schwache Nunancen in den Schattierungen der Mare weniger gut erkennbar sind. Da man sich an solchen Schattierungen aber ohnehin nicht orientieren kann, sollte das nicht überbewertet werden. Die Schattierungen sind nicht weg, nur besonders schwache Schattierungen sind eben schwerer erkennbar.

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Das neue Kartenbild in blau ist kontrastreicher.

Die dritte auflage wurde auch redaktionell überarbeitet. Viele Texte wurden ergänzt und aktualisiert. Dabei geht es nicht nur um neue Erkenntnisse, sondern es gibt auch sinnvolle Querverweise, zum Beispiel auf passende Karten bei der Erklärung der verschiedenen Oberflächenstrukturen des Mondes. Da hat sich denn auch ein Fehler eingeschlichen - auf Seite 15 wird beim Thema Lunardome fälschlich auf Karte 29 anstelle Karte 30 verwiesen. Auch neue Kraternamen wurden ergänzt und insbesondere die Librationskarten wurden in den Bereichen um die Pole überarbeitet, da heute erst genaue Daten für eine Kartierung der Polargebiete vorliegen. Entfallen ist in der neuen Ausgabe die Tabelle zur Berechnung des Mondterminators - eine Aufgabe die heute vom Planetariumsprogramm oder auch von der Astronomie-App erledigt wird. Wer an den Polarbereichen interessiert ist, könnte auf S. 208 über eine Textpassage stolpern, in der von einem zweiten Kartensatz dieser Gebiete gesprochen wird. Dieser soll der Perspektive des irdischen Beobachters deutlich näher kommen, aber absichtlich einen nur halb so flachen Winkel zeigen. So interessant diese Karten gewesen wären, so wenig sind sie im Buch zu finden - schade. Und obwohl man sich die Mühe gemacht hat, die Kurzangaben zu den verewigten Namen zu redigieren, findet sich alt wie neu auf Seite 183 "Schwartzschild" im Kartenbild und "Schwarzschild" im Text, oder an anderer Stelle geht zwischen Text und Karte mal ein Akzent verloren - Kleinlichkeiten.

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Dickeres Papier wertet die 3. Auflage auf (unteres Exemplar).

Alles in allem ist es höchst erfreulich, dass der Mondatlas von Antonín Rükl nun wieder erhältlich ist. Für den gegenüber der früheren Ausgabe deutlich höheren Preis erhält man ein gut verarbeitetes Buch aus deutlich robusterem Papier - das Fotopapier der Astro Shop Ausgabe war doch reichlich dünn und stärker durchscheinend. Wie weit das Papier gegenüber nächtlicher Feuchtigkeit widerstandsfähig ist, möchte ich weder mit meinem alten noch mit dem neuen Exemplar im Selbstversuch herausfinden. Bei der Beobachtung werden sie eben nur an geschützter Stelle zum Einsatz kommen. Wer eine frühere Ausgabe des Rükl sein Eigen nennt hat eigentlich kaum Grund, ein neues Exemplar zu beschaffen, es sei denn man entscheidet sich, ein Exemplar "auf Verschleiß" bei der Beobachtung nutzen zu wollen. Die hinzugekommenen Details der Polargebiete betreffen spezielle Beobachtungen, zu denen sich selbst ausgesprochene Mondfreunde erst einmal vorarbeiten müssen. Und da schließlich der alte Atlas genau das Material verwertet, was überhaupt durch irdische Beobachtung zugänglich war, sollte ein irdischer Beobachter auch nichts daran vermissen. Freuen dürfen sich hingegen alle, die dieses Standardwerk nicht mehr bekommen konnten. Sie erhalten eine Ausgabe, die der früheren in nichts nachsteht und sogar ein paar kleine Verbesserungen beinhaltet. Die Hauptsache jedenfalls ist: Er ist wieder da - Der Rükl.
 

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