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Erfahrungsberichte und Billigfertigung

Teleskope gefertigt in China und Taiwan sind schon seit Jahrzehnten Teil des Angebots für den Sternfreund. Andere Herkunftsländer mit niedrigem Lohnniveau können durchaus folgen. Lenkt man den Blick von reinen Einsteigerausstattungen und Discounter-Angeboten zu Produkten mit Anspruch auf eine längere Nutzungsdauer, bemerkt man die ungeheuere Preisrevolution, die solche Produkte ermöglicht haben und zwar unübersehbar ab der Jahrtausendwende. Durch den Preisdruck aus Fernost sind einige Produkte überhaupt erst in Reichweite für den Sternfreund mit "normalem Einkommen", oder auch für den Schüler mit "großen Wünschen" geworden.
Aber selbst bei diesen Produkten ist ein gewisser Preisdruck zu beobachten. Nicht nur, dass die Produkte nicht teurer geworden sind, gleichwohl auch in diesen Ländern das Lohnniveau langsam steigt, es sind sogar etliche Produkte günstiger geworden, was nicht allein durch Schwankungen beim Devisenumtausch zu begründen ist.
So ist es nicht besonders verwunderlich, dass in den letzten Jahren von engagierten Sternfreunden immer wieder erhebliche Qualitätsmängel, Konstruktionsfehler und auch regelrechte Skandale entdeckt wurden. Markt und Marketing des neuen Jahrtausends tendieren immer mehr zu schönem Schein denn qualitativen Sein. Das ansprechende Äußere wird propagiert und auch vom Käufer zu gern als Beweis für ein hochwertiges Inneres und höchste optische Leistung genommen. Dass dies bei manchem Produkt ein Trugschluss ist, können sich viele Sternfreunde zwar vorstellen, aber wer mag sich schon eingestehen, bei den eigenen Anschaffungen davon betroffen zu sein?

Es kann also durchaus hilfreich sein, bei der Planung eigener Anschaffungen zu wissen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten die Vermarktung der vornehmlich fernöstlichen Produkte in ihrem Preissegment vor sich geht. Dieser Artikel soll darüber hinaus auch und gerade auf einer Webseite mit erheblichem Umfang an Erfahrungsberichten darauf eingehen, wie weit man sich überhaupt nach Erfahrungsberichten richten kann. Denn "Produktveränderungen im Sinne des Fortschritts vorbehalten" ist ein Freibrief, den sich so mancher Hersteller nimmt, ohne Auszuführen, wie denn der Fortschritt ausschaut und ob der Kunde das wirklich begrüßen mag.

Stichwort Serienstreuung: Dass die Serienstreuung bei vergleichsweise günstigen Produkten durchaus auffällig oder gar extrem ausfallen kann, hat sich schon vielfach anhand von konkreten Vergleichen zeigen lassen. Das Wort "preiswert" auf solche Geräte anzuwenden wäre wahrscheinlich unpassend. Für den Leser eines Erfahrungsberichts stellt sich die Frage, in wieweit er hoffen kann, dieselbe Produktqualität zu erhalten, wie sie im Erfahrungsbericht beschrieben ist. Dabei spielen viele Dinge eine Rolle.
Zunächst mal gab und gibt es eine Serienstreuung bezüglich der optischen Qualität. Ist beim Erfahrungsbericht ein gutes oder ein schlechtes Exemplar zum Einsatz gekommen? Ist die angestrebte Produktqualität gleich geblieben oder hat man eine Reduktion der Qualität in Kauf genommen, um mehr Stückzahlen günstiger herstellen zu können? Es ist nicht aus den Wolken gegriffen, dass die Politur von Linsen nicht immer korrekt durchgeführt wird. Von diversen Okularen ist bekannt, dass es zumindest phasenweise Exemplare gab, bei denen die Kratzer des Linsen-Feinschliffes nicht sauber glattpoliert wurden. Dies ist normalerweise eine reine Zeitfrage, d.h. die Linse braucht eine bestimmte Polierzeit, ehe sie glatt poliert ist. Wird die Zeit verkürzt, möglicherweise um Kosten zu sparen, so werden nicht alle Kratzer auspoliert. Dies zeigt sich bei der Beobachtung durch vermehrtes Streulicht, Höfe oder Halos um helle Objekte, lässt sich aber nur mikroskopisch mit indirekter Beleuchtung (Dunkelfeld) wirklich nachweisen.
Technisch machbar ist auch die Kaschierung solcher Politur-Mängel mit Kanada-Balsam oder ähnlichem Optik-Kitt. Das Material überdeckt raue Stellen und durch den zum Glas sehr ähnlichen Brechungsindex dieser Harze wird die Linse tatsächlich verbessert. Abgesehen von der Alterungsbeständigkeit werden solche Harze aber bei der Linsenreinigung beispielsweise mit Isopropanol gelöst und abgetragen. Es gibt Sternfreunde die davon ausgehen, dass derartige Techniken zumindest im Einzelfall bereits angewandt wurden, sie stützen sich dabei aber auf bloße Indizien, während es einen konkreten Nachweis bislang nicht gibt.
Weitere Leistungsunterschiede können entstehen, wenn die verwandten Materialien nicht immer in gleicher Qualität beschaffbar sind. Es ist  für den Kunden und selbst für den Importeur kaum nachweisbar, ob stets die gleichen und richtigen Glassorten eines Objektivs oder Okulars verwendet wurden, oder ob wegen Lieferschwierigkeiten oder generell schwankender Qualität auch einmal "Ersatzgläser" verwendet werden, die nicht die geplante Qualität erzielen bzw. für die eine andere Berechnung der Optik notwendig gewesen wäre.
Diese Überlegungen gehen bereits über die Serienstreuung hinaus bis hin zur Einhaltung der Produktspezifikationen über mehrere Serien hinweg. Es ist bekannt, dass man selbst aus einer Lieferung z.B. Okulare findet, die baugleich sein sollten, aber sich in Schwärzung oder gar Vergütung unterscheiden.
Diskutiert wird auch eine Okularserie, die für jede Brennweite einen eigens berechneten Aufbau mit sogar unterschiedlicher Linsenkonfiguration haben sollte, aber am Markt dann offensichtlich nur aus dem skalierten Linsenaufbau weniger Schlüsselbrennweiten bestand. Dabei ist unklar, ob dies dem Wunsch des Importeurs oder einer Eigenmächtigkeit des Herstellers entsprang. Klar ist aber, dass  sich einige optimistische Aussagen des Optik-Designers in der Serie kaum wiederfinden lassen. Schließlich hatte dieser sich die Mühe der gesonderten Berechnung im Sinne eines perfekten Okulardesigns nicht - oder letztendlich eben doch - umsonst gemacht.

Ein weiterer Aspekt bei der Bewertung günstiger Produkte ist die große Vielfalt an Labels. Produkte dieser Preisklasse werden vom Hersteller problemlos an jeden Importeur geliefert. Einen wirklichen „Markenschutz“ eines Produktes gibt es nicht. Zu viele Unternehmen haben bereits die Erfahrung machen müssen, dass ein in Fernost hergestelltes Produkt unter minimalen Abänderungen oder womöglich effektiv baugleich für einen weiteren Importeur angeboten wird. Der geistige Eigentümer eines Optikdesigns jedenfalls wird es sehr schwer haben, seine Ansprüche in bestimmten Ländern durchzusetzen, und damit ist nicht das ohnehin große Risiko der Prozessführung im Ausland gemeint.
Für den Kunden bedeutet dies, dass der Markt scheinbar eine riesige Produktvielfalt bietet, die sich aber im Endeffekt auf sehr wenige wirkliche Optiken reduziert, die einfach nur unter unterschiedlichem Markennamen und mit verschleiernden Gehäusevariationen dem Kunden diese Vielfalt vorgaukeln. Und selbst bei Produkten, deren Baugleichheit offensichtlich ist, stellt sich die Frage, ob es unterschiedliche Qualitätsniveaus geben kann – wobei jeder Händler natürlich gern die beste Qualität für seine Variante in Anspruch nehmen möchte. Ob er sie bekommt, selbst wenn er sie bestellt, unterliegt wohl derselben Rechtsunsicherheit, wie ein patentiertes oder anderweitig geschütztes Design! Von einigen äußerlich baugleichen Produkten sind beim Straßenpreis zeitweilig Unterschiede von 500% aufgetreten. Insbesondere bei Teleskopen und hier in jüngerer Zeit ED-Glas-Refraktoren, ist leicht ersichtlich, dass Tubus, Okularauszug, Anbauteile und auch Zubehör wie Zenitspiegel usw. aus derselben Quelle stammen, auch wenn das Label jeweils anders lautet. Ob dann auch baugleiche Optiken verbaut sind, oder ob einzelne Hersteller ihre eigenen Optiklieferanten haben, wird von Gerät zu Gerät heiß diskutiert, und zwar von Sternfreunden, die wenig mehr als einzelne Vergleichsstücke und Indizien haben. Hersteller, Importeure und Händler halten sich bedeckt. Daraus lässt sich nur der eine Schluss ziehen, dass eine Transparenz in diesem Marktsegment unerwünscht ist. Schon der Hersteller wünscht dies nicht, denn dieser hätte natürlich die Möglichkeit, sein Produkt durch eine eindeutige und sichtbare Be- bzw. Kennzeichnung unverwechselbar zu machen. Der vielfach in die Diskussion eingebrachte Vergleich mit Japan ist somit nicht zutreffend, denn während japanische Hersteller bestrebt waren, sich einen Namen zu machen, sind fernöstliche Billigproduktionen nicht daran interessiert. Sollte ein Produkt durch ruchbar gewordene schlechte Qualität „verbrannt“ sein, so lässt es sich unter anderem Namen definitiv noch für einige Zeit verkaufen. Der Kunde gewinnt zwar einen günstigen Produktpreis, im gleichen Zuge aber wird die Qualität dieser Produkte immer schlechter erkennbar und das wirkliche Qualitätsprodukt wird durch den heftigen Konkurrenzdruck in eine Marktnische gedrängt, womit natürlich bedingt ist, dass die Vielfalt an Qualitätsprodukten abnimmt, da Mangels Absatz Produkte wegfallen und ganze Firmen schlicht aufgeben.

Doch zurück zur Kundensicht. Diese Bedenken gegenüber günstig hergestellten Optiken und Zubehörteilen sollen keine unnötigen Ängste gegenüber günstigen Produkten aus Fernost schüren. Schließlich werden diese im Alltagsgebrauch von vielen Sternfreunden ganz unproblematisch eingesetzt. Die Überlegungen werden aber interessant, wenn sich Angaben aus Erfahrungsberichten plötzlich nicht mehr nachvollziehen lassen. Ob die Eigenschaften solcher Produkte noch dieselben sind, wenn die nächste Lieferung kommt? Eine solche Frage stellt sich derweil bei vielen Erfahrungsberichten und Empfehlungen. Leider ergeben sich mit der Zeit auch Beobachtungen, die darauf hinweisen, dass ein gewisses Misstrauen seine Berechtigung hat. Schließlich ist es nicht gerade aus der Luft gegriffen, dass man mit der ersten Serie versucht, dem Produkt einen guten Ruf zu verschaffen. Besteht dieser erst einmal, kann die Qualität nach und nach sogar etwas zurückgenommen werden, ohne dass dies besonders auffällig wäre.
Somit ist das Fazit zu ziehen, dass die Vergleichbarkeit von Erfahrungsbericht und einem später zum Sternfreund gelieferten Produkt nicht immer gegeben ist, wobei das Herkunftsland eine Rolle spielen kann. Zwar wäre es völlig falsch zu behaupten, teure Hersteller würden keine schlechten Exemplare und keine Serienstreuung haben, aber im Allgemeinen stellt man doch fest, dass Optiken aus den als zuverlässig bekannten Herkunftsländern eine eher geringe Schwankungsbreite und gleichbleibende Eigenschaften haben. Blindes Vertrauen in altbekannte Marken und Hersteller ist ebenso fehl am Platze, da viele Marken bereits unter dem Stichwort „Outsourcing“ fernöstliche Billigprodukte im Angebot haben, um überhaupt am Markt bestehen zu können. Qualitätskontrolle findet wenn überhaupt erst in einer anderen Preisklasse statt. Der Kunde sollte sich vielmehr von dem Traum verabschieden, für kleines Geld das achte Weltwunder der Optik frei Haus geliefert zu bekommen.

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