Far Out - meine Astronomie-Homepage

Der TS Newton 300/1200 Foto
Ein 12” F/4 Newton in Leichtbauweise
und
Das Gurkenproblem

In den letzten Jahren hat sich bei meiner Vorliebe für DeepSky-Beobachtung besonders der Bereich “Planetarische Nebel” als persönliches Interesse entwickelt. Mit Sicherheit auch deshalb, weil diese Objekte sich mit Hilfe von Filtern trotz störendem Stadtlicht noch gut beobachten lassen. Da aber diese Objekte üblicherweise sehr klein sind, geriet ich bei vielen Objekten an die Grenze meines 8-Zöllers.
Die Tragkraft meiner Losmandy Gm-8 ließ zunächst nur den Gedanken an ein 10” Gerät zu, vorzugsweise ein SC oder wieder einen kurzen Newton. Der Schritt von 8” auf 10” erschien mir allerdings zu klein. Neuerdings aber gibt es vom Hersteller Orion Optics aus Großbrittanien eine Serie kurzbauender Newtons mit sehr geringem Tubusgewicht, das eine visuelle Verwendung auf der Gm-8 zulassen sollte.
Nach einiger Überlegung entschied ich mich für eine Version des 12-Zöllers, die von der Firma Teleskop-Service mit einigen Verbesserungen versehen war. Unter anderem ist dies ein größerer Fangspiegel für eine fotografische Ausleuchtung und ein verbesserter Okularauszug. Ein weiteres Feature ist die 96% Hilux-Verspiegelung. Das Gerät wiegt dann 11,5 Kilogramm bei 110cm Tubuslänge. Ein ordentlicher Brocken für die Gm-8, aber visuell noch machbar.

Das Gerät im Detail

Nach dem Auspacken der großen Versandkiste beschäftig man sich unwillkürlich zunächst mit den Rohrschellen. Diese sind 52mm breit und aus 5mm starkem Aluminium. Die Scharniere der Rohrschellen sind zwar stabil, wirken aber etwas zierlich. Die Verschlüsse sehen wirklich ordentlich aus, nur deren Schraubgriffe sind arg klein geraten, so daß man schon ordentlich zupacken muß, um die Schellen anzuziehen. Innen sind die Rohrschellen mit Filz ausgelegt. Jede Rohrschelle besitzt 2 Paar Bohrungen für Senkkopf-Schrauben auf der Innenseite. Die Leidige Diskussion, ob Fotogewinde oder metrische Schrauben entfällt damit. Senkkopf-Fotoschrauben sind hierzulande nur umständlich zu beschaffen. Eine Auflagefläche für die Rohrschellen fehlt, stattdessen bietet Teleskop-Service verschiedene Adapterschienen für die unterschiedlichen Montierungen an. Diese sind dann an die Wölbung der Rohrschellen angepasst. Für meine Gm-8 gibt es aber, im Gegensatz zur G-11, keine passende Schiene. Hier musste eine eigene Adaption geschaffen werden. In einem solchen Falle ist das Fehlen einer Auflagefläche an den Rohrschellen ein Problem.
Der Tubus mit ca 330mm Aussenmaß ist mit einer Falz zusammengefügt. Diese sorgt leider dafür, daß der Tubus nicht ganz rund ist - die Falz trägt auf und der Tubus wird hier um gute 3 Millimeter von den Rohrschellen weggedrückt. Gerät die Falz beim Drehen des Tubus in den Bereich der Scharniere oder Verschlüsse, dann gehört trötz weitem Öffnen der Schraubverschlüsse ein wirklich unangenehmer Ruck dazu, dieses Hindernis zu überwinden. Bei der Beobachtung zeigte sich, daß obwohl die Rohrschellen nach einer Tubusdrehung fest angezogen wirkten, deren obere Hälft sich ohne viel Kraft gegen den Tubus verschieben ließ. Hier bieten offenbar die Scharniere nicht genug Führung und es zeigt sich, daß der leicht unrunde Tubus hier nicht den nötigen Halt bekommt. Abhilfe schafft nur gewaltsames anziehen der Klemmschrauben, mit besorgtem Blick auf die Justage der Optik. Ein Verstärkungsring in der Tubusmitte würde dem Gerät gut tun, den Tubus runder zwingen.
Die Tubusenden werden von zwei Rahmen aus Aluguss eingefasst. Der Tubus ist an beiden Enden offen, so daß man von unten direkt auf die Spiegelunterseite sieht. Dies soll einer besseren Luftzirkulation und damit auch einer schnelleren Auskühlung dienen. Beide Tubusenden werden mit dünnen Plastikkappen abgedeckt. Der Begriff  ‘Plastikkappe’ ist hier wirklich mit absicht gewählt, vom Begriff  ‘Folie’ trennt nicht viel Materialstärke. Die Kappen sitzen zwar sicher, aber bei meinem Gerät war durch Transportschaden bereits eine Kappe eingerissen. Warscheinlich werde ich versuchen, aus Styrodur neue Deckel zu schneiden.


Der Okularauszug mit angesetztem 2” Okularanschluß

Der nächste Blick gilt dem Okularauszug. Der Auszug geht spielfrei, aber recht stramm. Dies ist allerdings mit einer Madenschraube zu justieren, die den Andruck eines Teflonpads regelt. Natürlich lässt sich der Auszug, zum Beispiel zur Fotografie, mit einer griffigen Schraube ganz festsetzen, aber damit die Schraube wirklich gut festhält, muß sie schon unangenehm fest eingedreht werden. Unangenehm ist auch, daß die Fokussierräder sehr nah an der Basis liegen, so daß man sich gut die Finger klemmen kann. Etwa 70 Bogensekunden Shifting zeigte der Okularauszug beim Richtungswechsel. Ob sich dies durch Nachjustieren beheben lässt erscheint mir unsicher, da der Auszug für meinen Geschmack nicht strammer laufen darf.
Das 60mm Gewinde an der Aussenseite des Auszuges ist von vielen Vixen-Geräten her bekannt und ermöglicht es damit, gegebenenfalls andere als die mitgelieferten Okularadaptionen zu verwenden. Auch die beigelegten Okularaufnahmen orientieren sich an bekannten Gewindemaßen. Der 1,25” Okularadapter lässt sich in zwei Teile zerlegen, so daß ein recht flachbauender T2-Anschluß übrig bleibt. Als kleinen Clou hat dieser T2 Anschluß ein 36mm-Innengewinde, welches zu Vixen-36mm-Projektionsadaptern passt. Damit ist allerdings der kleine Nachteil verbunden, daß der T2-Anschluß nur 35,5mm Innenmaß hat, während ein standard-T2 auf gut 38mm kommt. Die Folge ist eine geringfügig stärkere Vignettierung bei der Fokalfotografie. Sowohl 1,25” als auch 2” Okularaufnahme sind schwarz eloxiert und mit 2 Klemmschrauben versehen. Beide werden nicht direkt in das 60mm Gewinde des Auszuges geschraubt, sondern mit einer Nut in einen Zwischenring für das 60mm Gewinde geklemmt. Auch diese Klemmung erfolgt wieder mit zwei Schrauben und ist auch für schwere Okulare spielfrei.
Als angenehmer Zusatz ist der Okularauszug mit 3 Paar Zug-/Druckschrauben auf die Achse justierbar. So sinnvoll dies ist, sieht man es doch bei weitem nicht an jedem Teleskop.


Der mit drei Silikon-Blobs geklebte 85mm-Fangspiegel

Der Blick ins Tubusinnere zeigt eine ordentliche Mattschwarz-Lackierung. Auffällig ist die sehr dünne Fangspiegelhalterung, die Beugungsstrahlen minimieren soll. Tatsächlich funktioniert das auch an hellen Sternen recht gut. Zugschrauben halten die dünnen Bleche auf Spannung, um die Stabilität zu verbessern. Dennoch habe ich die Fangspiegelhalterung im Verdacht, die Justierung zu beeinflussen, wenn der Tubus nach Rotation in den Schellen anders eingeklemmt wird. Der Fangspiegel ist mit Silikon auf die Fangspiegelhalterung geklebt. Dies ist letzendlich auch ein Zugeständnis an den günstigen Preis des Gerätes.
 


Die Hauptspiegeljustage lässt sich mit so griffigen Schrauben wunderbar von Hand erledigen

Auf der Gegenüberliegenden Tubusseite zeigt sich der Hauptspiegel. Eine robuste, 3-Armige Halterung ist stabil mit dem Tubus verschraubt. Darauf liegt die 3-Armige Spiegelzelle, die den Spiegel mit drei Auflagepunkten und 3 Klammern hält. Auch hier muß man sich, als Zugeständnis an den Preis, eine Diskussion über die notwendige Anzahl Auflagepunkte ersparen.
Der Spiegel selbst ist nach Herstellerinformation aus Suprax von der Firma Schott. Die glatte Oberfläche erlaubt einen direkten Blick auf die Unterseite der Spiegelschicht. Der Spiegel ist recht dünn, was der Hauptgrund für das geringe Gewicht des Gerätes ist. Suprax soll dafür besonders gut geeignet sein.

Die Optik

Statt eines normalerweise nur 75mm durchmessenden Fangspiegels, erhält die Foto-Version einen Spiegel mit einer kleinen Achse von 82mm. Die Obstruktion erhöht sich damit geringfügig von 25% auf 27%. Mit der 100%igen Ausleuchtung des Kleinbild-Formates wird es dabei knapp. Sicherer wäre ein 90mm Fangspiegel - allerdings ist dies auch Abhängig von einer eventuellen Vergrößerung durch einen Komakorrektor. Das zu 75% ausgeleuchtete Feld ist jedenfalls deutlich größer als die Diagonale des Kleinbild-Formats.

Der beigelegte Ronchigramm-Test meiner Optik ließ auf eine gute Qualität des Spiegels hoffen. Eine F/4-Optik ist natürlich aufgrund ihrer Obstruktion keine Planeten-Optik. Mit 27% Obstruktion lässt sich aber sehr gut auskommen, wenn man im Vergleich die 8” F/4-Optiken mit weit über 35% Obstruktion sieht. Trotzdem bleibt das Haupt-Einsatzgebiet sicher die DeepSky-Beobachtung.


Die Justageschrauben des Suchers sind zueinander versetzt - schlechte Peilhilfe!

Als Zubehör gibt es den 10x50 Winkelsucher. Ein 50mm-Sucher ist für ein DeepSky-Gerät dieser Grössenordnung wirklich angebracht. Zunächst ist es gewöhnungsbedürftig mit dem im Gegensatz zum normalen Sucher gespiegelten Bild zurecht zu kommen. Die Abbildung des Suchers aber ist wirklich gut, was sich ja gerade an Objekten wie Kugelsternhaufen zeigt. Im Vergleich mit meinem chinesischen 8x50-Sucher allerdings zeigte der 10x50 das gleiche wahre Gesichtsfeld, nur ein wenig kleiner. Es fragt sich, welcher Vergrösserungswert nun mehr der Wahrheit entspricht. Das Multi-Vergütete Okular des TS-Suchers ist angenehm einblickfreundlich auch mit Brille. Um mit -4,25 Dioptrien ohne Brille auszukommen, musste ich den Konterring der Objektiv-Fokussierung entfernen, um genug Fokussierweg zu bekommen. Die Sucherhalterung wirkt etwas “schlampig” gegossen, funktioniert aber problemlos. Auch die Justage des Suchers funktioniert wie gewohnt - dabei gefällt mir die Justierung mit 6 Schrauben wesentlich besser, als eine Halterung mit 3 Schrauben und einem Gummiring.
Da ich es gewohnt bin, die Sucherschrauben als Peilhilfe zu benutzen, fiel mir deren ungleichmässige Anordnung auf.  Nur eines der drei Paare, das unangenehm gelegenste, liegt in etwa in Richtung der optischen Achse. Die anderen beiden Paare Peilen mehr als 5° daneben, was sogar auf dem obigen Bild erkennbar ist.

Die ersten Beobachtungen

Die ersten Objekte für den neuen 12-Zöller waren die Kugelsternhaufen des Frühsommer-Himmels. M3, M5, M13 und M92. M13 lässt sich sehr gut auflösen. Sein Zentrum verliert das vom 8-Zöller gewohnt “Wolkenhafte” mit einzelnen Sternen. Stattdessen zeigen sich dichte Sterntrauben. Bei M92 bleibt das helle Zentrum zwar noch sehr dicht, aber sein Anblick übertrifft bei weitem das Maß an Auflösung, was der Beobachter von M13 am 8-Zöller kennt.
Während der 8-Zöller aber die Kugelsternhaufen zumeist recht unbeeindruckt vom Seeing zeigt, wird dessen Einfluß beim 12 Zöller häufig sichtbar. In einer durchschnittlichen Nacht kann man beobachten, wie das Seeing phasenweise die Sterne verwischt. Bei Vergrößerungen zwischen 150x und 333x ist das natürlich nicht anders zu erwarten.
Der Eulennebel war ein weiteres Ziel. Unter 5m Himmel war er nur mit Filterhilfe zu finden. Dank eines OIII-Filters zeigte die Eule aber bei 150x und indirektem Sehen die “Augen”.
Der Ringnebel M57 zeigte sich unerwartet hell. Die Aufhellung im Inneren des Ringes wird schon ohne Filter gut sichtbar. Mit Filter wirkt das Zentrum so hell, daß sich vor dem dunklen Himmelshintergrund der Nebel eher als Scheibe denn als Ring präsentiert, obwohl natürlich der Kontrast zur Ringstruktur erhalten bleibt.
1200mm Brennweite sind noch nicht zu viel Vergrößerung für einen Himmelsspaziergang. Das LV 30 bietet bei 40-facher Vergrößerung 1,5° reales Gesichtsfeld. So fand sich, unterstützt durch UHC-Filter, der Omega-Nebel. Obwohl der tiefstehende Nebel sich inmitten der Lichtglocke vom kaum 10km entfernten Recklinghausen befand, war doch die hineinragende Dunkelwolke gut erkennbar, indirekt wirkte die Überlappung sogar räumlich.

Auch bei der Mondbeobachtung konnte das Gerät einen guten Eindruck machen. 480-fache Vergrößerung (LV 5 + 2x Barlow) war problemlos Möglich und es zeigten sich beeindruckende Mondlandschaften im Bereich des Alpentales oder Tage später die Gegend des Schrötertales.

Die nächste Beobachtungsnacht fand unter einem guten 5,5m Himmel statt, der allerdings Mitte Juli noch nicht vollständig dunkel wurde und zudem bald unter einer Mondphase von über 50% litt.
Erstes Beobachtungsobjekt war M71, der mit dem Speers Waler 14mm bereits in viele Einzelsterne aufgelöst wurde. M27, schon unter Mondeinfluss, zeigt sich als rundes Objekt, die Hantelform nur als innere Struktur, so deutlich kamen die “Ohren” durch. Mit OIII-Filter verstärkte sich dieser Eindruck noch, und die Hantel hob sich kaum noch ab. Während die Nebelstrukturen in kleinen Instrumenten scharf begrenzt wirken, zeigt der 12-Zöller bei höherer Vergrößerung sanfte Übergänge zwischen den kleinen Gebieten unterschiedlicher Leuchtkraft.
In 22° Höhe und bei ca 20” Scheibchendurchmesser war Mars ein ersehntes Beobachtungsziel. Hier musste sich das TS gegen einen 8” f/6 Dobson messen, also ein Gerät gleicher Brennweite. Beide Teleskope zeigten bei mässigem Seeing eine recht ähnliche Performance mit einem LV 5 im TS und einem Pentax XL 5,2 im Dobson. Beim TS ließ sich die Performance aber ein wenig steigern, indem ein Graufilter eingeschraubt wurde. Wo für beide Geräte wirklich die Grenzen liegen, ließ sich beim herrschenden Seeing schlecht sagen.


Etwas zersauselt! Bei der Schlepperei kommt man ins Schwitzen, und das sieht man dann im Blitzlicht...

Mobil mit dem 12-Zöller?

Der 12-Zöller ist für die Gm-8 ein ordentlicher Brocken. Visuell funktioniert die Kombination gut, wird aber windanfällig. Das “träge” Schwingungsverhalten der Gm-8 ist hilfreich. Durch die fehlende Montageschiene für die Gm-8 musste ich mir behelfen, indem ich eine GP-Montageschiene auf meine Gm-8 Montageplatte schraubte. Das bringt das schwere Gerät aber wieder um 2 Zenitmeter weiter vom Achsenkreuz weg. Eine wie auch immer geartete Lösung müsste der Rundung der Rohrschellen angepasst werden, was in Metall einen Selbstbau praktisch unmöglich, und in Holz immer noch schwierig genug macht.
11,5 Kilo lassen sich noch einigermassen bändigen, und mit sicherer Umarmung auch durch Tür und Treppenhaus bringen. Wie klein ein Kombi ist, lässt sich aber bald merken, wenn der Tubus auf der Rückbank liegend keine 10 Zentimeter länger sein dürfte..
Das Aufsetzen auf die Montierung ist bei der Gm-8 dank der einschiebbaren Prismenschiene noch allein zu bewältigen. Ein Griff am Tubus wäre aber hilfreich und so wird ein weiteres Bauprojekt die Verbindung der beiden Rohrschellen mit einem Aluprofil als Griff sein. Dies wird dann auch die Stabilität der oberen Rohrschellenhälften verbessern.

Fazit

Mit diesem Gerät rückt visuelles Vergnügen mit einem 12” Newton für Besitzer von fotografisch stabilen 8” Montierungen in greifbare Nähe. Auch eine GP-DX kann dieses Gerät noch tragen, man sollte aber über ein stabileres Stativ nachdenken. Viele der geschilderten Problemchen leiten sich auch aus dem Zwang zum Gewichtsparen ab. Andere Schwächen sind erträglich und fordern den Bastler heraus. Wirklich unnötig ist nur das Fehlen der Auflageflächen an den Rohrschellen.
Die Optische Leistung als DeepSky-Gerät ist mit den bei f/4 gegebenen Einschränkungen einwandfrei. Auch was das Gerät an Mars und Mond ablieferte war für ein DeepSky-Orientiertes Gerät recht erbaulich. Der reine Planetenfreund wird sich aber mit diesem kurzbauenden Gerät nicht anfreunden können und findet warscheinlich mit einem 10” F/5 den besseren Kompromiss zwischen Transportabilität und Leistung.
 

Nachtrag (Stand 4.10.2003)
Nach einigen Beobachtungsnächten will ich noch auf einige Punkte hinweisen. Zunächst stellt es sich derzeit so dar, daß das Gerät bis jetzt an jedem Abend neu justiert werden musste. Jede Erschütterung - man kann ein 11 Kilo Gerät nicht sanft (genug) auf den Boden legen - erzeugt deutliche Abweichung der Justage. Da jeweils Haupt- und Fangspiegel nachzujustieren sind, scheint die Schwachstelle der “arbeitende” Tubus mit seiner Falz zu sein. Wie weit die Rohrschellen mit ihren unsauberen Scharnieren den Tubus “zur Arbeit zwingen”, kann ich nicht sagen. Ich vermute aber, daß dies auch eine Rolle spielt.
Die Teleskopdeckel sind ein nervenaufreibendes Ärgernis. Sie sind nicht nur zu dünn, sondern fallen im unpassendsten Moment - beim Tragen und beim Einladen des Teleskopes - herunter. Von der Variante mit 1600mm Brennweite wurde mir in zwei Fällen berichtet, daß die mitgelierferten Deckel zu klein sind, also gar nicht auf das Teleskop passen. Bei einem so wichtigen Detail besteht meiner Meinung nach dringend Handlungsbedarf. Wer das Teleskop anschaffen möchte, sollte den Punkt Deckel beim Händler ansprechen! Es geht nicht an, daß ein Teleskop im Wert eines kleinen Montatsgehaltes mit Mülltüten vor Staub geschützt werden muß, weil der Hersteller unfähig ist und der Händler in den letzten Monaten nicht von selbst einen Handlungsbedarf erkannt hat!

 

Das Gurkenproblem
November 2004 bis Mai 2005

Trotz aller Justage und Belüftung war ja die Planetenleistung des f/4-Newtons nie völlig lobenswert. Dies auf die schwierige Temperierung, die Okularproblematik bei f/4 und die empfindliche Justage zurückzuführen reichte nach und nach immer weniger aus, das schlechte Abschneiden der Optik bei hoher Vergrößerung zu erklären. Ich entschied mich zu einer Vermessung der Optik, die ende November 2004 stattfinden konnte.
Das Ergebnis dieser Vermessung auf einem Bath Interferometer war deprimierend, der Spiegel lieferte nach Abzug von Astigmatismus einen Strehlwert um 0,5. Das erklärte auf einen Schlag allerhand Zweifel an der Abbildung, war aber auch der Grund zu weiteren Überlegungen bezüglich größerer Teleskopoptiken.
Während im November 2004 die Erfahrung, daß es nur selten das Wetter zur Beurteilung eines 12-Zöllers am Planeten gibt, längst klar war, zeigte sich doch, daß eben eine Beurteilung des 12 Zöllers so schwierig war, daß die schlechte Optik “nur” nagende Zweifel verursachte. Natürlich ist hier das Zusammenspiel vieler Fehlerquellen zu nennen. Ganz besonders die problematische Justage die sich vor allem aus dem Shifting des Okularauszuges entwickelte. Bei schlechter Justage des Okularauszuges wanderte der Laserpunkt zwei Zentimeter weit über den Hauptspiegel, wenn die Fokussierrichtung wechselte. Das ließ sich derweil zwar auf 0,5cm Abweichung reduzieren, aber letztendlich ist der Auszug für eine normale Laserjustage untauglich. Stattdessen hilft hier die Methode “Barlowed Laser”, die sich von einem shiftenden Okularauszug deutlich weniger beeinflussen lässt.
Völlig unproblematisch war es allerdings, einen Austauschspiegel zu bekommen. Da das Gerät ja als “besser als Beugungsbegrenzt” angeboten wurde, stand mir ein Austausch zu. Dies nutze ich dazu, gegen Aufpreis eine noch bessere Spiegelqualität “zuzukaufen”. Die Qualiätskriterien “Lambda/6 und sehr guter Strehl” sind nicht sehr präzise formuliert, aber auf gesonderte Anfrage wurde eben präzisiert, daß es um Lambda/6 Wave ginge. Während derweil auch die normale Qualität mit “Lambda/6 und Strehl >0,9” (Stand 03/2005) beworben wird, kommt man natürlich wegen des Aufpreises ins grübeln. Der dann gelieferte Spiegel mit einem per Zygo auf 0,97 zertifizierten Strehl liegt aber noch deutlich darüber. Trotzdem, ein gebranntes Kind..., kam auch der neue Spiegel auf’s Interferometer. Das war inzwischen von einem Bath zu einem Michelson “mutiert” und es war schwierig, den großen f/4 Spiegel genau genug zu vermessen, um diese Qualität zu bestätigen. Zumindest zeigte der Test aber, daß der Spiegel eine gute Qualität hat und warscheinlich zum mitgelieferten Zygo-Report passt.
Eine Aktion zum Haareraufen war aber der Spiegeltausch. Während man ja den ersten Spiegel recht einfach aus der Spiegelzelle herein und herausbekommt, lag hier beim einsetzen des neuen Spiegels ein dicker Hund begraben. Der Spiegel wird nämlich auf drei weichen Kunststoffschrauben gelagert, die den Spiegel von unten gegen die vorderen Klammern pressen. Die Spiegelzelle wird also durch diese drei Kunststoffschrauben auf die genaue Dicke des Spiegels justiert. Und die hatte abgenommen um etwa 2 Millimeter! Nun ist es normalerweise kein Problem, eine M8 Schraube einfach sanft 2mm weiter einzuschrauben, es sei denn ein Intelligenzbolzen in England hat Klebstoff ins Gewinde geschmiert! Zuerst riss also der Schlitz der weichen Kunststoffschrauben aus. Schraube Nummer eins ließ sich dann mit einer kleinen Kombizange meistern, Schraube Nummer zwo brauchte eine normalgrosse Kombizange. Schraube Nummer drei aber zerriss vollständig, anstatt aus dem verklebten Gewinde freizukommen. Die Schraube musste mit einem kleinen Schleifkopf und der Minibohrmaschine ausgebohrt werden und dann in einzelnen Kunststofffetzen aus dem Gewinde gepflückt werden. Alle drei Gewinde mussten dann nochmal nachgeschnitten werden, bevor sich die inzwischen gelieferten Ersatzschrauben vernünftig eindrehen ließen.
Kurz darauf hätte sich an einem erstklassigen Abend eine selten gute Gelegenheit zur Saturnbeobachtung ergeben, leider aber war der Fehlerteufel immer noch nicht besiegt. Diesmal war die Spiegelzelle zu locker eingestellt und der Spiegel muß irgendwie verkippt gelagert gewesen sein. Dreieckige Beugungsringe, aber auf beiden Seiten des Fokus wunderbar ähnlich und deutlich, waren die Folge. Saturn gab’s dreimal übereinander... Der Spiegel war durch eine zu lockere Fassung verspannt, wie auch immer das gehen mag...
Derweil nun auch dieses letzte Detail behoben ist, liefert der Newton nun eine deutliche bessere Sternabbildung, was besonders an Kugelsternhaufen aber zum Beispiel auch am Zentralstern des Eskimonebels wunderbar zu erkennen war.  Insofern bestätigt sich hier nun auch eine deutlich verbesserte Optikqualität.
Nach so langer Zeit ist auch eine andere Krankheit behoben, indem ich Produktionsmuster für Alublech-Teleskopdeckel ersteigern konnte. Die Reste der Plastikdeckel hebe ich aber immer noch auf, um hier mal ein passendes Foto einstellen zu können... Der Okularauszug ist dank Justage in seinem Shifting reduziert. Störend ist dies immer noch, aber dank barlowed Laser nicht mehr bei der Justage. Ein neuer Auszug ist eigentlich fest geplant, jedoch grinst hier wieder ein Teufelchen um die Ecke und zeigt mit dem Problemfinger auf den Komakorrektor. Der Komakorrektor vom R200SS funktioniert mit dem TS 300 wirklich hervorragend aber er passt nur in eine Vixen Okularadaption, die wiederum einen 60mm Okularauszug mit passendem Gewinde verlangt. Und das gibt es nur auf den Vixen-Auszügen, den 2” GSO-Auszügen und dem chinesischen Billigauszug meiner inzwischen 2 Jahre alten TS 300-Version. Nun wäre ich mit einem Vixen Okularauszug, oder auch mit dem leicht bastlerisch zu verbessernden GSO gern zufrieden, aber diese Auszüge haben eine wesentlich kleinere Basisplatte, so daß die Bohrungen des jetzigen Auszuges genau an den Ecken eines neuen Okularauszuges offen klaffen würden. Flicken aus Klebeband oder Blech möchte ich aber an meinem Tubus doch nicht haben. Und so käme also ein neuer Okularauszug nur mit passenden Bohrungen in Frage und würde womöglich noch einen Stapel Euros für einen weiteren Komakorrektor nach sich ziehen. Falls also jemand eine Marktlücke sucht: Ein stabiler Crayford mit 60mm Rohr und Vixen-Gewinde, ist auch gut gegen Vignettierung bei f/4!

Beim Resumee über den TS 300 muß ich differenzieren. Die Panne bei der Optikqualität muß man wohl wirklich als Panne sehen, allerdings war die bei älteren Geräten vielleicht kein Einzelfall. Immerhin hat Orion UK ja 2004 ein größeres Zygo angeschafft und dem vernehmen nach dadurch die Optikqualität gesteigert.
Die anderen Mängel des Gerätes sollen aber nochmal aufgezählt werden:

  • schlechte Rohrschellen, denen eine gerade Auflagefläche fehlt (besser zwei je Schelle)
  • schlechte Rohrschellenverschlüsse, die sich verkanten und nur schwer drehen lassen
  • schlechte Rohrschellenscharniere, so daß beim anziehen der Verschlüsse durch “kippeln” ein Verkanten verhindert werden muß
  • shiftender Okularauszug
  • völlig unzureichende Teleskopdeckel, die den Schutz der Optik vielleicht gerade mal für die Hälfte der Gewährleistungszeit bieten können
  • Spiegelzelle mit 3 Auflagepunkten unterdimensioniert, sieht derweil sogar gegen Skywatcher-Zellen alt aus

Die neuen TS-Newtons haben allerdings bei einigen Punkten wesentliche Verbesserungen erhalten:

  • Crayford Okularauszug (seit Ende 2004, vorher gegen Aufpreis)
  • neue Spiegelzelle
  • “Rohrschellenböcke” als Ersatz für Auflageflächen, leider zu unakzeptablem Preis, soviel teurer können sofort vernünftige produzierte Rohrschellen nicht sein!
  • 1/8 Lambda Upgrade erhältlich

Angeblich sind auch die Rohschellenverschlüsse verbessert worden, davon konnte ich mich aber bislang nicht selbst überzeugen.
Die derzeit (5/2005) angebotene Version des TS 300 ist also deutlich unproblematischer als mein 6/2003 gekauftes Exemplar. Als Fazit sehe ich den Kauf des TS 300 in der damaligen Form als eine sehr problematische Entscheidung. Die entstandenen und durch geplante Umrüstungen noch entstehenden Kosten (zusammen 600km Fahrt für die 2-malige Optikvermessung, neue Tubusdeckel,...) setzen den Preisvorteil wesentlich herab. Der entscheidende Grund der für den Orion spricht ist das geringe Gewicht, mit dem das Gerät visuell auf der Gm-8 zu betreiben ist. Mir ist derzeit kein 12-Zöller von der Stange mit derartig niedrigem Gewicht bekannt. Nur aus diesem Grunde und weil ich die Hoffnung habe, daß die 97 Strehl des Zygo der Wahrheit entsprechen, bleibe ich bei diesem Gerät.

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