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Goldkante ist nicht mehr gleich Goldkante!


Derweil gibt es mindestens drei Versionen der “Ultrawides” am Markt.

Vor einigen Jahren wurden unter der Bezeichnung TS-SW eine Okularreihe auf dem mitteleuropäischen Markt eingeführt, die sich kurz darauf den allgemein bekannten Spitznamen "Goldkante" einfing. Woher der Name stammt, sieht man dem Okular auf den ersten Blick an.
Da nach Einführung der "Goldkanten" aber von vielen Sternfreunden die nicht besonders gelungene Innenschwärzung und Vergütung bemängelt wurde, gab es für die Importeure Grund zum Nachbessern. Es erschienen die sogenannten "Blaukanten", die TS-SW(M)-Reihe. Derweil wurden die "Goldkanten" auch bei verschiedenen anderen Händlern geführt. Sie werden offiziell als “Skywatcher Ultrawide” bezeichnet. Bekannt ist auch, dass die "Blaukanten" in den USA als "Orion Expanse" gehandelt werden.
Die etablierte Vorstellung, dass nur die "Blaukanten" die gut geschwärzte, voll multivergütete Version dieses Okulares sind, ist derweil nicht mehr richtig. Es gibt seit einiger Zeit auch "Goldkanten" in offenbar derselben Verarbeitungsqualität. Anhand der Beschriftung sind die unterschiedlichen Versionen nicht zu unterscheiden.  Somit lohnt es sich, ruhig einmal genauer hinzuschauen, wenn einem eine "Goldkante" über den Weg läuft, und zu diesem Zweck erhielt ich von der Firma Reese Astronomische Okulare 6 unterschiedliche Okulare aus dieser Reihe.
Es handelt sich speziell um drei 9mm und drei 15mm, davon je ein TS SW-M mit blauem Ring, sowie je ein Modell von Skywatcher und Reese mit goldenem Ring. Anzumerken ist im Vorfeld, dass das 9mm Okular insbesondere baugleich mit dem
Antares 8,6mm W70 und einer Version des TS-WA 9mm ist, wobei sich diese Okulare zwar durch den Gehäuse-Aufbau, aber nicht in der Linsenkonstruktion von den "Goldkanten" unterscheiden.


v.L.: Reese, TS, Skywatcher, untere Reihe 15mm, oben  9mm.
Um die Vergütungsfarben gut deutlich zu machen, wurde eine Halogenlampe mit 24 Einzellämpchen verwendet,
daher die Vielzahl der Reflexe..

Rein äußerlich unterscheiden sich die Okulare von Skywatcher und Reese zunächst nicht. Beschriftung, Form und Farbe sind identisch. Die TS-SWM heben sich nur durch den blauen statt goldenen Ring ab und tragen eine andere Beschriftung, unter anderem mit dem Hinweis "Fully Multi-Coated". Der Vergütung gilt natürlich auch der erste Blick. Bei 15mm Brennweite findet sich auf den Exemplaren von Reese und TS auf allen erkennbaren Flächen eine Multivergütung mit hauptsächlich grünlichen Reflexen. Das 15mm Skywatcher zeigt hingegen auf der Feldlinse lediglich blauviolette Reflexe und im Bereich der Augenlinse eine Mischung aus einem grünen und einigen violettblauen und sogar weißlichen Reflexen. Bei den 9mm Exemplaren muß weiter differenziert werden. Hier findet man nur bei den Exemplaren von TS und Reese wieder die grünen Reflexe im Bereich der Augenlinse, aber das TS hat auch ein Multicoating der Feldlinse, während das Reese-Exemplar hier noch ein blauviolettes Coating hat. Die Skywatcher Version entspricht dem beim 15mm gesehenen, also soweit erkennbar nur eine multivergütete Fläche, während die übrigen Flächen einfache Vergütungen tragen. Laut Informationen der Firma Reese handelt es sich bei der einfach vergüteten Feldlinse um einen Fehler des Herstellers, der nur in der ersten Lieferung vorkommen soll.


Feldlinsen, 9mm oben, 15mm unten, v.L.: Skywatcher, Reese, TS.

Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass die Schwärzung im Innern der Steckhülse bei allen sechs Okularen ähnlich und auch ähnlich ungleichmässig ist. Jedes Okular zeigt beim drehen unter hellem Licht einen Bereich, in dem das Metall des Filtergewindes durch einen zu dünn aufgetragenen Mattlack durchschimmert, während andere Stellen gut bedeckt sind. Hier wurde - typisch für asiatische Billigproduktion - zu nachlässig gearbeitet. Praktisch identisch sind bei allen Okularen auch die Linsenfassungen aus schwarz eloxiertem Metall, das unter flach einfallendem Licht glänz und reflektiert. Matt lackierte Halteringe wären sicherlich vorteilhaft, sind aber bislang nunmal ein Merkmal von Okularen aus anderen, gehobenen Preisklassen.


Augenlinsen der 9mm, v.L.: Skywatcher, Reese, TS.
Mit dem Auge betrachtet wirken die Reflexe bei TS und Reese satt grün, by Skywatcher violett.

Auch bei der Innenschwärzung der Okulartuben finden sich keine Unterschiede. Alle Okulare zeigen einige helle "Ringe" im Inneren, wahrscheinlich die glänzenden Kanten der Linsen-Halteringe. Unter schrägem Lichteinfall beginnen dann auch die Innenwände des Okulartubus schwach zu reflektieren.
Als ein Detail bei der Markteinführung der TS-SWM wurden seinerzeit geschwärzte Linsenkanten genannt. Was bei den sechs Okularen an exponierten Linsenkanten zu sehen ist, zeigt sich recht ähnlich. Die Linsenkanten sind sichtbar und spiegeln sich auf der angrenzenden Linsenoberfläche. Falls sie geschwärzt sind, dann bei allein drei Varianten und zwar wieder unterschiedlich sorgfältig. Die dunkelsten Linsenkanten hatten sowohl bei 9mm als auch bei 15mm die Skywatcher, die TS lagen in der Mitte und die Reese waren leicht heller. Die Unterschiede waren recht gering und ohne die Okulare völlig auseinanderzunehmen lässt sich nur vermuten, dass die Unterschiede lediglich von unterschiedlich aufgerauten Linsenrändern herrühren.


Feldlinsen der aus der Hülse geschraubten 15mm. V.L.: Skywatcher, Reese, TS

Bei der Beobachtung mit den 9mm Okularen lagen TS-SWM und Reese gleich auf.  Beide Okulare zeigten nur am Rand des Bildfeldes eine leichte Aufhellung. Das Skywatcher zeigte hingegen ein helleres Bild mit aufgehelltem Himmelshintergrund. Der Objektkontrast wurde leicht schlechter, so dass sehr schwache Sterne schwerer erkennbar wurden. Beim schnellen Wechsel der Okulare fielen auch leichte Unterschiede der Fokallage auf. Die Okulare lagen im Bereich weniger Zehntel Millimeter auseinander. Bei den 15mm Okularen war das Bild ähnlich. Optisch sind die Okulare ansonsten soweit baugleich, dass sie sich problemlos am Bino-Ansatz miteinander kombinieren ließen. Bei der Mondbeobachtung, diesmal am Bino, fielen bei keinem der Okulare störende Reflexe auf.
Interessant ist, dass sich die eigentlich schlechtere Leistung der Skywatcher in einem helleren Bild manifestiert, anstatt in einem dunkleren. Offenbar kommt es zu stärkeren Reflektionen zwischen den Linsen, so dass der Himmelshintergrund aufgehellt wird. Nur am Kontrast zwischen Hintergrund und schwächsten Sternen ließ sich überhaupt erkennen, dass der hellere Himmelshintergrund in diesem Fall eher ein Negativkriterium war.

Es lohnt also durchaus, die unterschiedlichen “Goldkanten” zu unterscheiden und beim Kauf auf die Vergütungsfarben zu achten. Am aussagekräftigsten ist ein Blick auf die Feldlinse. Zeigt sich hier bei Tageslicht ein sattes grün hat man nach meinen Beobachtungen eine voll multivergütete Version vor sich, während die einfachere Version hier violett zeigt. Bei den 9mm Exemplaren von Reese ist aber, wie beschrieben, die Feldlinse zunächst nicht multivergütet. Hier muß man auf die Augenlinse achten. Überwiegt bei der Augenlinse violett mit eher weißlichen Reflexen, so hat man die einfacher vergütete Version vor sich, bei der nur eine Fläche ein grünliches Multicoating trägt.
Wer diesen Okulartyp an passenden Teleskopen einsetzt, wird sich vielleicht über den erkennbaren Leistungszuwachs freuen. Zur reinen Abbildungsleistung an verschiedenen Teleskopen möchte ich für 15mm und 6mm auf den Bericht
Neue und preisgünstige Okularkonstruktionen und für das 9mm auf den bereits oben genannten Artikel zum gleich aufgebauten 8,6mm Antares W70 verweisen.

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